Home | english  | Impressum | Sitemap | KIT
Vertrauen und Risiko in zukünftigen Energieinfrastrukturen - Die Vision „Smart Grid“
Dotorand: Patrick Sumpf
Betreuer: Prof. Dr. Matthias Kohring, Universität Mannheim
Start: Januar 2013

Kurzdarstellung

Vertrauen ist in modernen Gesellschaften eine unabdingbare Ressource. Sie stiftet Handlungsfähigkeit und wird als soziales Schmiermittel relevant, um Interaktionen zwischen Personen, Organisationen und übergeordneten sozialen Einheiten zu koordinieren. Insbesondere Vertrauen in abstrakte Systeme wie das Expertenwesen (Wissenschaft), das Geld (Wirtschaft) oder IKT-Strukturen (Technologie) sind von herausgehobener Bedeutung (vgl. Luhmann 2000; Giddens 1990). Dies zeigt sich eindringlich am Beispiel gegenwärtiger Entwicklungen im Energiesektor: Insbesondere in Europa (vgl. die deutsche „Energiewende“), aber auch in Amerika und Asien, lassen sich Visionen einer Etablierung von intelligenten, vernetzen und IKT-basierten Energieinfrastrukturen erkennen, die unter dem Begriff des „Smart Grid“ Eingang in zahlreiche Debatten gefunden haben (Ramchurn et al. 2012). Hier wird dem Verbraucher zugemutet, Vertrauen in ein abstraktes Energiesystem zu investieren (Zuversicht) sowie gegenüber neuen technologischen Applikationen („smart meter“), Märkten und Aufsichtsorganisationen. Während Elektrizität bisher tendenziell als permanent verfügbare Ressource wahrgenommen wurde (Strom aus der Dose) scheint sich ein Wandel hin zu mehr Reflexivität im Hinblick auf Einforderungen aktiver Verbraucher („Prosumer“) durch Politik- und Wirtschaftsakteure einzustellen, der neue Vertrauensbereitschaften bei Konsumenten erwartbar macht.

Vertrauen, Misstrauen, Risiko
Vertrauenserfordernisse solcher Art, die sich als handlungsermöglichende Komponente zunehmend intransparenter Systemvorgänge wie jener im Energiebereich anhäufen, erzeugen gleichzeitig Risiken. Es gilt allgemein, dass jeder Akt des Vertrauens aufgrund der Ausblendung zukünftiger Nebenfolgen ein Risiko darstellt (Luhmann 1988). Es gilt im Besonderen, dass Risiken als Nebenprodukt eines besonders beschleunigten Vertrauenseinsatzes dort entstehen, wo Intransparenzen, Zukunftsunsicherheiten sowie konkurrierende Geschäftsmodelle und Entwicklungspfade möglichst produktiv ausgenutzt werden sollen (Strulik 2011). Dies trifft im besonderen Maße auf den sich transformierenden Energiesektor zu. Auf diese Weise können durch latente Formen des Vertrauenseinsatzes („blindes Vertrauen“), ganz ähnlich wie im Finanzbereich, Risiken eine erhöhte Dynamik gewinnen als Folge einseitiger und sachlich entgrenzter Ausmaße an Zuversicht und Vertrauen etwa in Systemstrukturen wie Märkte, Technologien oder Zertifizierungen.
Die Frage nach der Sicherheit zukünftiger Energiesysteme im Smart-Grid-Design (Daten-, Rechts-, Markt-, Versorgungssicherheit) als Gegenstück zum Risiko stellt sich demzufolge primär als Frage nach dem Verhältnis von Vertrauen und Misstrauen: Vertrauen erzeugt notwendige Handlungskapazitäten, um im Smart Grid agieren zu können während Misstrauen, als funktionales Äquivalent, Wachsamkeiten erhält, Schwächen aufdeckt (Produkt- und Systemschwächen, Schwächen von Geschäftsmodellen) und damit im Idealfall zu ergiebigen Reformen in Politik, Wirtschaft und Publikum (z. B. Partizipationsmodelle) führt.

Forschungsfragen und Vorgehensweise
Die Dissertation hat zunächst das Ziel, einen kompakten Narrativ international vergleichender Smart-Grid-Visionen als Rahmen für die konkreten Forschungsfragen zu erarbeiten, innerhalb dessen das Beispiel der deutschen Energiewende eine prominente Stellung einnimmt. Im Anschluss an diese Einbettung soll der Frage nachgegangen werden, welche neuartigen Vertrauensbeziehungen und Risikokonstellationen in ausgewählten empirischen Feldern des zukünftigen Energiesystems zu erwarten sind und welche Folgeprobleme damit einhergehen (z. B. Mensch-Technik-Beziehungen, Energiemarktdynamiken, Herausforderungen öffentlicher Vertrauenskommunikation). All dies wird beschrieben unter der Prämisse der Realisierung entsprechender Komponenten zukünftiger Energiesysteme, die gemäß der dominierenden Visionen und empirisch gewonnener Daten über Smart Grids erläutert werden.
Die drei wichtigsten empirischen Felder mit Vertrauensbezügen sind dabei aus heutiger Sicht:
1) öffentliche Akzeptanz von systemischen Energietransformationen,
2) die Entwicklung neuartiger Strommärkte mit zunehmenden Finanzmarktabhängigkeiten (z.B. Kapazitätsmärkte),
3) neue Governance-Formen, Systemverantwort-lichkeiten und Rollenverteilungen zwischen Übertragungs- und Verteilnetzbetreibern
In allen drei Bereichen sollen dabei primär die qualitativen Veränderungen angezeigt werden, die dort beobachtbar oder begründet zu erwarten sind (z. B. aufgrund von Vorerfahrungen am Finanzmarkt). Um dies zu erreichen, werden Vertrauensanalysen primär als funktionale Analysen, als Kartierungs- und Ebenenanalysen und als theoretische Herleitungen einer erweiterten Vertrauensliteratur durchgeführt. Systematisch wird dabei auch der Bezug zur Risikokategorie, speziell systemischen Risiken, hergestellt. Dies scheint besonders ertragreich vor dem Hintergrund einer spezifischen Betrachtung von Systemvertrauen in zukünftigen Energieinfrastrukturen, so dass schließlich für jedes empirische Feld konkrete Riskanzen als Folge und/oder Quelle bestimmter Vertrauensprobleme herausgearbeitet werden können und umgekehrt. Als konkrete Methode dient dabei eine Triangulation aus funktionalen Analysen, Experteninterviews und Dokumentenanalysen.

Giddens, A. (1990): The Consequences of Modernity. Stanford: Stanford University Press.
Luhmann, N. (1988). Familiarity, confidence, trust: Problems and alternatives. In: Gambetta, D. (ed.), Trust: Making and breaking cooperative relations (pp. 94-107). Oxford, England: Basil Blackwell.
Luhmann, N. (2000 [zuerst 1968]): Vertrauen. Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität. 4. Aufl. Stuttgart: Lucius & Lucius, UTB.
Ramchurn, S. D.; Vytelingum, P.; Rogers, A.; Jennings, N. R. (2012): Putting the 'Smarts' into the Smart Grid: A Grand Challenge for Artificial Intelligence. In: COMMUN ACM 55, 86–97.
Strulik, T. (2011): Vertrauen – Ein Ferment gesellschaftlicher Risikoproduktion. In: Erwägen, Wissen, Ethik, 22 (2011), Heft 2, 239-251.